Wer mich kennt, weiß, dass ich genau hinhöre, was gesagt wird und welche Bedeutung das Gesagte hat. Es ist deshalb unvermeidlich, dass ich meine Meinung zum allgegenwärtigen „Alles gut“ kund tun muss. Sie fällt nicht gut aus, das kann ich schon mal verraten.

Erstmal eine Bestandsaufnahme: „Alles gut“ wird gegenwärtig (wir haben das Jahr 2017) nach meiner Beobachtung vor allem in diesen Situationen verwendet:

  1. Als „Frage“ zur Begrüßung von anderen Menschen: „Alles gut?“
  2. Als Antwort, wenn man gefragt wird, wie’s einem geht: „Alles gut.“
  3. Als Ersatz für „Kein Problem“ oder „Keine Ursache“.

Nehmen wir die einzelnen Punkte mal auseinander.

„Alles gut?“ als Pseudo-Frage

„Alles gut?“ als Frage ist ein Witz. Es ist eine Pseudo-Frage. Aus folgenden 3 Gründen:

  • Eine Grundregel der guten Kommunikation ist es, offene anstatt geschlossener Fragen zu stellen. Auf geschlossene Fragen kann der Gegenüber nur mit „Ja“ und „Nein“ antworten. Das macht ein Gespräch flach. Im schlimmsten Fall zerstört es das Gespräch, weil nach dem „Ja“ oder „Nein“ eine Pause entsteht. Eine sinnvolle offene Frage zur Begrüßung ist „Wie geht’s dir?“. Auch das viel kritisierte „How are you?“ im Amerikanischen ist noch besser als „Alles gut?“. Weil es immerhin eine offene Frage ist.
  • Was ist mit „Alles gut?“ gemeint: Alles gut bei einem selbst? Alles gut in der Welt? Das Problem ist schnell identifiziert: Der Frage „Alles gut?“ fehlt ein Verb und ein Objekt!
  • Lass mich raten, was man erwartet, wenn man jemand anderen „Alles gut?“ fragt. Es ist sicherlich ein „Ja“. Das macht die Frage zu einer Pseudo-Frage. Der Fragesteller ist nicht wirklich an seinem Gegenüber interessiert. Wahrscheinlich weil er zu sehr mit sich selbst beschäftigt ist.

Mein Rat: Hör auf „Alles gut?“ zu fragen. Wenn du ernsthaft interessiert bist, wie es deinem Gegenüber geht, frage ihn etwas wie „Wie geht’s?“. Wenn du nicht interessiert bist, sag einfach nur „Hallo“.

Update Oktober 2017: Von meinem Bruder habe ich im Zuge einiger Alles Gut-Diskussionen diese smarte Frage gestellt bekommen: „Was ist heute gut bei dir?“. Diese Frage gefällt mir sehr gut.

Übrigens: Wenn mich jemand „Alles gut?“ fragt, lautet meine ehrliche Antwort

„Vieles“
oder „Nein, nicht alles“.

Probier das mal aus, wenn du das nächste mal „Alles gut?“ gefragt wirst. Ich garantiere dir, dass du verdutzt angeschaut wirst – und dass das Gespräch trotz geschlossener Frage weitergeht 😉

„Alles gut“ als Antwort

Überlege mal, was es bedeutet, wenn jemand auf „Alles Gut?“ mit „Ja“ antwortet. Oder wenn jemand auf „Wie geht’s?“ mit „Alles Gut“ antwortet. Streng genommen (und das bin ich in diesem Beitrag bewusst), behauptet der Antwortende dann allen Ernstes, dass bei ihm alles gut sei.

Das nehme ich niemandem ab, nicht mal dem Dalai Lama! Ich kenne so einige Menschen und weiß, dass bei keinem alles gut ist. Vielleicht ist vieles gut, aber es gibt immer Baustellen in gewissen Lebensbereichen. Also hör auf dich selbst zu belügen!

Ein Zusatz könnte die Antwort „Alles gut“ sinnvoller gestalten:

„Im Moment ist alles gut.“

Diese Antwort würde ich manchen Menschen abkaufen. Denn es gibt natürlich Momente, in denen man sich wirklich gut fühlt, im Flow ist, und dann ist tatsächlich im Moment alles gut.

„Alles gut“ als Ersatz für „Kein Problem“

Eins gleich vorneweg: „Kein Problem“ ist nicht besser als „Alles gut“. Denn warum sollte ich von Problemen sprechen, wenn die Sache schon in Ordnung ist?

Nehmen wir an, eine Frau sitzt in einem Café. In einem unachtsamen Moment stößt sie mit ihrem Ellbogen an ihre Kaffee-Tasse. Die halbvolle Tasse verteilt sich klierend und zerbrechend auf dem weißen Boden. Die junge Kellnerin eilt herbei und sagt „Alles gut“. Ist das so? Sie (oder wer auch immer) muss doch jetzt den Boden wischen und die zerbrochene Tasse zusammenkehren. Da ist doch nicht alles gut! Besser wäre es in meinen Augen, wenn sie etwas sagt wie „Ich bringe das in Ordnung“ und die Kundin sich dafür bedankt.

„Alles gut“ ist in diesem Zusammenhang streng genommen eine Lüge. Es ist ein zwanghaftes Glattbügeln und Schönreden von teilweise nicht schönen Dingen. Hör auf es zu benutzen. Sag lieber etwas wie

„Es ist in Ordnung“,
„Es ist okay“,
der „Schon gut“ (da steckt zumindest kein allumfassendes „Alles“ drinnen).

Fazit

Hör auf „Alles gut“ zu benutzen.
„Alles gut?“ ist eine feige Pseudo-Frage, „Alles gut“ eine unehrliche Antwort. Verwende auch kein „Alles klar“, das ist nicht besser.
Kommuniziere so ehrlich mit deinen Mitmenschen, wie du kannst. Anregungen dazu stehen in diesem Artikel.

LG,
Stefan

PS: Ich bin gespannt auf deine Meinung zu diesem (vermutlich) kontroversen Artikel.