Kaum mehr einen Monat müssen sich Fußballfans rund um den Globus noch gedulden, bis in Russland die besten Fußball-Mannschaften der Welt gegeneinander antreten. Die Fußball-WM ist eines der Sportereignisse überhaupt und das nicht nur wegen der internationalen Begeisterung für den Ballsport an sich.

Das Turnier ist in vielen Belangen ein Paradebeispiel dafür geworden, was in der Sportwelt insgesamt schiefläuft: Korrupte Verbände, Vetternwirtschaft, unerlaubte Absprachen, Doping, Wettskandale – ganz gleich, in welcher Disziplin sich Sportler heutzutage messen, es bleibt vielfach ein fader Beigeschmack. Während also die Verantwortlichen nach dem noch größeren Spektakel suchen, stellt sich für den Zuschauer immer häufiger die Frage, was nur aus „ihrem“ Sport geworden ist.

Sport als Spiegel der Gesellschaft

Diese Sehnsucht wird gerne als pure Romantik abgetan, als Denkweise der Ewiggestrigen, die glauben, dass Sport früher noch „echt“ war. Demgegenüber steht die moderne Denkweise, in der es viel Platz für Show und globale Vermarktung gibt, die in den Augen der Kritiker aus den Spielen aber zunehmend Schau-Spiele macht. Natürlich gehört Inszenierung seit jeher zum Sport dazu. Welchen Sinn hätten sonst Siegerehrungen, wenn nicht die Zurschaustellung der Überlegenheit über andere Sportler? Die Anerkennung gegenüber erbrachten Leistungen steht aber auch gar nicht zur Debatte – jedenfalls nicht ausschließlich.

Die gesellschaftliche Rolle des Sports

Ganz gleich, wie es um die persönlichen Präferenzen hinsichtlich des (professionellen) Sports bestellt ist, lässt sich seine Bedeutung für das gesellschaftliche Leben schwerlich von der Hand weisen. Im Idealfall – von dem hier einmal ausgegangen werden soll – leistet der Sport für den Einzelnen wie für das soziale Ganze einen wichtigen Beitrag, der nicht unterschätzt werden darf:

  • Er ist ein Vehikel, mit dem wichtige gesellschaftliche Werte vermittelt werden können.
  • Er fördert die Gemeinschaft, generationenübergreifend und ohne Ansehen der Kultur oder Herkunft.
  • Er fördert außerdem die Kommunikation, die Solidarität und die Begeisterung für eine gemeinsame Sache.

Sport ist ein Kulturgut und damit per se ein Bestandteil des Gesellschaftsgefüges und – entgegen anderslautender Redewendungen – ist er auch noch gesund. Die Beeinflussung findet auf vielen Ebenen statt, so eng ist die Verbindung zwischen Gesellschaft und Sport:

  • Aus der Perspektive des Pädagogen bietet sich bei der sportlichen Aktivität die Möglichkeit, die eigene Persönlichkeit zu entwickeln und die eigene Identität zu finden.
  • Vom sozialen Standpunkt her ist vor allem die Fähigkeit zu nennen, sich in einer Gruppe zu bewegen sowie die Vermittlung sozialer Kompetenzen im Allgemeinen.
  • So gern sich die Akteure auf der Profi-Ebene dem entziehen wollen – Sport ist auch politisch, was im besten Fall bedeutet, dass er dabei helfen kann, politische Grenzen zu überwinden und Völker entgegen sonstiger Vorurteile miteinander zu verbinden.
  • Nicht zu vergessen, dass Sport ein ganz erheblicher Wirtschaftsfaktor

Dazu kommt noch eine ganze Reihe von Faktoren, bei denen der Sport eher auf den Einzelnen einwirkt. Etwa im Bereich der Gesundheitsförderung, was sowohl den rein physischen wie auch den psychischen Bereich einschließt. Für die Sportler selbst ist ihre Aktivität zudem eine sinnliche Erfahrung, bei der die Wahrnehmung der Umgebung und der eigenen Person geschult wird.

Regeln, Sanktionen, Belohnung von Leistung – Der Sport als Vorbild für Gerechtigkeit

Bei aller Förderung der Gemeinschaft bleibt Sport aber letzten Endes ein Wettbewerb, in dem es um den direkten Vergleich mit einem oder mehreren Konkurrenten geht. Und es sind die Regeln eines jeden Spiels, die diesen Wettbewerb in geordnete Bahnen lenken sollen. Sie sind, wenn man so will, die Gesetzgebung des Sports, sie legen Befugnisse und Möglichkeiten fest, sie sanktionieren Überschreitungen gesetzter Grenzen und dienen allen als Leitrahmen für das Miteinander im sportlichen Kräftemessen.

Wettbewerb gehört grundlegend zu jedem Sport dazu – genauso wie die Einhaltung der dazu vorgesehenen Regeln.

Im Grunde genommen ist der Sport dem Alltagsleben in dieser Hinsicht voraus, weil es – wenn man nachträgliche Verurteilungen einmal ausnimmt – keine Verzögerung gibt, wenn der Gerechtigkeit Genüge getan werden muss. Regelverstöße werden sofort geahndet, ist gibt keine langwierige Gerichtsverhandlung, nur die unmittelbare Konsequenz. Das gilt genauso für die Ergebnisse, die ganz eindeutig anzeigen, wer im Wettstreit innerhalb der Regeln der Bessere ist.

Das ist die Grundlage für einen fairen und sauberen Sport, der sich in der Vergangenheit leider allzu häufig als frommer Wunsch erwiesen hat. Dabei muss er das gar nicht sein, der saubere Sport kann geschaffen werden, worauf Helmut Digel, seines Zeichens ehemaliger Handballer, Sportwissenschaftler und Sportfunktionär – unter anderem als langjähriger Präsident des Deutschen Leichtathletik-Verbandes – bereits vor etlichen Jahren hingewiesen hat: Seiner Ansicht nach sind die Regeln nicht nur für den Wettbewerb, sondern für jeden Sport an sich die Existenzgrundlage.

Subjektive und objektive Gerechtigkeit

Obwohl Digel hier vornehmlich gegen Wettbewerbsverzerrungen jedweder Art argumentiert, ist an manchen Stellen dennoch zu erkennen, dass es um die Regeln und die Gerechtigkeit im Sport noch ein weiteres Problemfeld gibt. Dabei handelt es sich um die subjektive Wahrnehmung, die von keiner Regel der Welt so einfach außer Kraft gesetzt werden kann – wenngleich Sportler wie Zuschauer natürlich trotzdem ausgehen, dass die jeweiligen Schiedsrichter zu größtmöglicher Objektivität fähig sind.

Was gleichsam nicht bedeutet, dass sie nicht ein trefflicher Streitpunkt wäre. Anders als die Schiedsrichter können sich Sportler und Zuschauer nämlich den Luxus erlauben, parteiisch zu sein, ohne dass dieser bewusste Verzicht auf eine objektive Position groß hinterfragt würde. Ein Prinzip, das in gleicher Weise für Emotionen im Sport Gültigkeit besitzt: Schiedsrichter dürfen keinerlei Emotionen zeigen und sollten sie nicht einmal haben, um den Spielausgang nicht einseitig zu beeinflussen. Sportler und Fans hingegen leben geradezu von den Emotionen.

Gerechtigkeit ist im Sport oft eine relative Angelegenheit, besonders aus der Fan-Perspektive: Für diese ist es eine zwingende Voraussetzung, gerade nicht unparteiisch zu sein.

Wenn verschiedene Gerechtigkeitsbegriffe aufeinanderprallen

Eine schwierige Gemengelage, die in kritischen Situationen oft genug aufzeigt, wie relativ der Gerechtigkeitsbegriff im Sport doch sein kann. Ein bemerkenswert emotionsgeladenes Beispiel lieferte etwa das Viertelfinal-Rückspiel der UEFA Champions-League zwischen Real Madrid und Juventus Turin. Der Grund für die überbordende Aufregung: Ein Elfmeter in der Nachspielzeit, der der Aufholjagd der Italiener ein abruptes Ende bescherte und gleichzeitig den Anfang für heftige Diskussionen bot, die sich vornehmlich um die Person des Schiedsrichters drehten. Dabei sind die aus vielerlei Gründen müßig: Zum einen, weil den Schiedsrichter Michael Oliver wohl am wenigsten Schuld trifft. Seine Entscheidung war durchaus vertretbar und an dieser Stelle könnten alle Debatten enden.

Dass sie es nicht tun, ist dem subjektiven Gerechtigkeitsempfinden geschuldet, das im Fall der Juve-Fans zudem mit längst verloren geglaubter Hoffnung einherging. All die Mühen umsonst, eine dramatische Aufholjagd durch eine einzige Entscheidung zunichte gemacht. Dem Schiedsrichter sind solche Überlegungen egal, sie müssen es sogar sein. Daran ändert auch das Phänomen „Konzessionsentscheidungen“ nicht, das in anderen Situationen für (gefühlte) ausgleichende Gerechtigkeit gesorgt hat.

Hieran zeigt sich das bisweilen vollkommen unterschiedliche Gerechtigkeitsverständnis der involvierten Parteien:

  • Der Schiedsrichter überwacht nur den regelkonformen Ablauf des Spiels und greift bei Verstößen ein – die Auswirkungen auf das Ergebnis sind dabei erst einmal unerheblich.
  • Fans und Spieler stellen genau diesen Zusammenhang aber her, in der oben beschriebenen Art und Weise. Für sie ist wiederum unerheblich, ob die Elfmeterentscheidung objektiv gerecht war.
  • Tatsächlich könnte man die Situation noch aus einer weiteren Perspektive betrachten, sofern man einigermaßen unbefangen ist: Statt dem Schiedsrichter die Schuld zu geben, wäre es ebenso denkbar, das eklatant schwache Abwehrverhalten der Juventus-Spieler als ausschlaggebenden Faktor zu benennen. Toni Kroos darf weitgehend ungehindert flanken und nach der Kopfballablage von Cristiano Ronaldo fällt Mehdi Benatia plötzlich auf, dass er wohl Gegenspieler Lucas Vazquez vergessen hat. Im Fachjargon wird in solchen Szenen nicht grundlos davon gesprochen, dass derartige Nachlässigkeiten im Fußball direkt „bestraft“ werden.

Es gibt keine Gerechtigkeit (im Fußball)

Ist die Elfmeterentscheidung also gerecht? Ist das Endergebnis gerecht? Möglicherweise sind das die falschen Fragen. Denn möglicherweise gibt es im Fußball (und selbstverständlich auch in anderen Sportarten) gar keine Gerechtigkeit. Glaubt zumindest Sportphilosoph Gunter Gebauer, der stattdessen auf den Aspekt der Herrschaft im Spiel verweist – über den Gegner, das Spielgerät, die vielen Zufälligkeiten.

Spieler, Trainer, Schiedsrichter und deren Assistenten – am Ende sind es alle Menschen, die den Zufälligkeiten und Fehlbarkeiten des Lebens und des Sports unterworfen sind.

Tatsächlich ist es nicht von der Hand zu weisen, dass der Zufall trotz allen Regelwerks eine kaum zu übersehende Rolle spielt. Dazu tragen eben auch die Akteure bei, die am Ende – so platt das klingen mag – alle „nur“ Menschen sind. Sie sind nicht unfehlbar, sie machen Fehler und selbst wenn sie richtige Entscheidungen fällen, sind alle anderen Beteiligten genauso unfehlbar in ihrer persönlichen Einschätzung von gerecht oder ungerecht.

In gewisser Weise hat Gebauer also durchaus Recht. Die Abwesenheit von Gerechtigkeit im Sport muss dabei nicht zwingend schockieren, sie beschert den Zuschauern schließlich häufig genug genau die Überraschungen und Dramen, die den sportlichen Wettbewerb überhaupt erst so emotionsgeladen und erlebenswert machen. Dadurch wird den Schwächeren die Chance eingeräumt, doch einmal gegen die Besseren zu gewinnen, selbst wenn das nur eine Momentaufnahme sein sollte.

Trotzdem sollte niemand die auf den Spielverlauf bezogene Gerechtigkeit, bei der idealerweise gute Leistung mit Siegen belohnt wird, mit der auf die Einhaltung der Regeln bezogenen Gerechtigkeit verwechseln. Denn für diese sind Leistungen unerheblich, sie orientiert sich nur am richtigen oder falschen Verhalten, gemessen an den für alle gültigen Regeln.

Die vielen Gesichter des unlauteren Wettbewerbs

Wettbewerbsverzerrungen jedweder Art verärgern Zuschauer wie Sportler deswegen so sehr, weil sie offenkundig an der grundlegenden Gerechtigkeit des Wettbewerbs vorbeigehen, diese bewusst missachten und so faire Ergebnisse (soweit diese nach den Überlegungen von Gunter Gebauer überhaupt möglich sind) verhindern. Sie erschüttern die Integrität des Sports. Das Phänomen ist nicht neu, es ist – vielleicht im Zuge der Globalisierung – nur noch größer geworden und dringt häufiger an die (mediale) Oberfläche.

Den Kindern zum Vorbild: Welche Werte können Sportler dem Nachwuchs vermitteln, wenn ihnen zum Gewinnen jedes Mittel recht ist?

Grundsätzlich lassen sich beim unlauteren Wettbewerb verschiedene Arten der Manipulation und Regelbeugung unterscheiden:

  • Manipulation zum Vorteil im Wettbewerb
    Wobei Vorteil in diesem Zusammenhang ziemlich einfach mit „Doping“ übersetzt werden kann. Die Einnahme leistungssteigernder Mittel ist ein über lange Zeiträume und viele Sportarten verbreitetes Phänomen, das vor allem den Profisport betrifft. Das Prinzip bricht mit der Vorstellung, dass Siege allein aufgrund der eigenen Leistungsfähigkeit erreicht werden, ohne Hilfsmittel, die über das Erlaubte hinausgehen.
  • Manipulation zum finanziellen Vorteil
    Ist beim Doping in erster Linie das Siegen die Motivation für den Bruch mit den Regeln, ist es in diesem Fall vornehmlich die Habgier: Resultate werden im Vorfeld abgesprochen, um durch entsprechend platzierte Wetten einen möglichst großen Gewinn einzustreichen, betroffen sind theoretisch alle Sportarten, so Sylvia Schenk von Transparency International. Das schließt allerdings keineswegs aus, dass Absprachen in Einzelfällen nicht auch dazu dienen können, einen sportlichen Nutzen zu erhalten. Was jedoch kaum weniger verwerflich ist.
  • Weitere Möglichkeiten, die Regeln zum eigenen Vorteil zu beugen
    Wenngleich die gezahlten Transfersummen im Profi-Fußball etwas anderes aussagen, gibt es eigentlich auch hierfür Regeln. Das „Financial Fair Play“ sagt eigentlich, in verkürzter Zusammenfassung, dass Vereine für Spielerkäufe nicht mehr ausgeben dürfen, als sie einnehmen. Ein gewisser Spielraum ist sogar im Regelwerk vorgesehen, da einerseits immer die vergangenen drei Jahre in die Rechnung einfließen und andererseits ein Investor einmalig mit einer Unterstützung in Höhe von 30 Millionen Euro aushelfen kann.
    Die Wirksamkeit dieses Instruments ist allerdings strittig. Um die exorbitanten Ablösesummen, die bei vielen Spielern in den Vertragsklauseln festgelegt werden, dennoch zahlen zu können, werden Transfers eben anders gestaltet: Die Spieler kaufen sich dann zum Beispiel selbst aus ihren Verträgen oder es werden Leihgeschäfte angezettelt, um eine Ablöse erst zu einem späteren Zeitpunkt zahlen zu müssen, wenngleich die Verpflichtung bereits beschlossene Sache ist.
  • Wie die Regelwerke selbst zu Wettbewerbsverzerrungen beitragen
    Seit dem „Nichtangriffspakt von Gijón“ während der Fußball-WM 1982 in Spanien wurden zur Vermeidung von Spielabsprachen die letzten Vorrundenspiele einer Gruppe immer zeitgleich ausgetragen. Seit der EM 2016 in Frankreich muss aber auch gruppenübergreifend gedacht werden, was dem neuen Turniermodus geschuldet ist. Unter diesen Bedingungen erhalten die später spielenden Mannschaften unbeabsichtigt einen Vorteil, wenngleich damit nicht automatisch die Wunschergebnisse zum Erreichen eines der verfügbaren Plätze als bester Gruppendritter einhergeht.

Kein Vertrauensverhältnis: In den vergangenen Jahren hat die FIFA selbst durch Korruption bis in die höchsten Ränge viel Vertrauen verspielt – womit der Fußball-Verband kein Einzelfall ist.

Die Rolle der Verbände

Unlauterer Wettbewerb ist zudem nicht allein auf das sportliche Geschehen an sich beschränkt. Auch hier ist der Fußball sozusagen ein negatives Paradebeispiel, da die Korruption unter hochrangigen Funktionären in der FIFA die Vergabemodalitäten für die Weltmeisterschaften zunehmend zu einer Farce werden lassen. Angefangen beim deutschen Sommermärchen von 2006, in dessen Zusammenhang wohl einige Märchen erzählt wurden, bis hin zu den Zweifeln an den Weltmeisterschaften in Russland und Katar.

Die moralische Tragweite ist kaum zu überblicken, immerhin gelten die Verbände als Verwalter der Regeln, die allerdings unter finanziellen wie machtpolitischen Erwägungen vergleichsweise leicht gebeugt werden können. Das betrifft nicht allein den Prozess der Vergabe an sich, die Auswirkungen sind viel weiter spürbar – etwa dass anlässlich der WM in Katar die internationalen Spielpläne angepasst werden müssen, um das Turnier zu moderateren klimatischen Bedingungen im Winter austragen zu können.

Die Sportlerperspektive

Was über all diese Missstände nicht vergessen werden sollte: Betroffen sind nicht in erster Linie die Zuschauer, sondern die Sportler selbst. Sie verschreiben sich einer Sportart und damit der Einhaltung eines allgemeingültigen Regelwerks. Sie glauben an das Prinzip, dass sich am Ende der objektiv Beste durchsetzt. Dazu bedarf es allerdings der richtigen Rahmenbedingungen.

Genau daran scheint es jedoch zu hapern, anders lässt sich die Forderung einer Vielzahl von Sportlern nach einer Charta für Sportlerrechte nicht erklären. Die Wunschliste schreit regelrecht nach kollektivem Versagen der Verbände:

  • Mehr Transparenz bei der Führung der jeweiligen Verbände wird da zum Beispiel gefordert, genauso wie bei der Bekämpfung von Doping.
  • Eine „schnelle, konsequente und nachvollziehbare Anwendung der Regeln“ gehört ebenfalls zu den eingeforderten Rechten.
  • Vor allem wünschen sich die Beteiligten der Initiative für die besagte Charta der Rechte und Pflichten der Athleten aber einen sauberen Sport, in dem Korruption, Zwang und Manipulation keinen Platz mehr haben.

Der Auslöser für die Bemühungen um eine Fixierung dieser Rechte und Pflichten: Das Bekanntwerden des staatlich organisierten Dopings in Russland rund um die Olympischen Winterspiele 2014 in Sotschi. So traurig es klingt, es gäbe ausreichend andere Anlässe, um das Vertrauen in die Verbände zu verlieren und das meint nicht nur FIFA oder IOC.

Immer wieder erschüttern neuerliche Doping-Skandale den internationalen Radsport – ohne erkennbare Folgen.

Entgegen aller Beteuerungen schafft es zum Beispiel der internationale Radsportverband UCI nicht, das Image des eigenen Sports auch nur annährend wieder geradezurücken. Sofern das überhaupt noch möglich ist, nachdem über Jahrzehnte hinweg prominente und flächendeckende Dopingskandale relativiert wurden – und weiterhin werden, wie das Beispiel Chris Froome zeigt.

Keine gute Grundlage, um Vertrauen in die Verantwortlichen und die Strukturen aufzubauen, in denen diese agieren. Mehr zum Selbstzweck als zum Wohl der Sportler, wie man allzu leicht denken könnte. Fraglich also, ob der Wunsch der Athleten nach einer verbindlichen Vorgabe für einen sauberen Sport angesichts des unbedingten (und daher oftmals unmoralischen) Siegeswillen und die Machtpolitik anderer Beteiligter bestehen kann.

Die Rolle der Gesetzgeber

Wenn die Regulierungsmechanismen der Sportverbände selbst zu kurz greifen, muss halt der Gesetzgeber ran. Sport ist schließlich Teil der Gesellschaft und hat einen entsprechenden Anspruch, durch Gesetze vor Ungerechtigkeiten geschützt zu werden. Offen bleibt, wie wirksam derartige Maßnahmen tatsächlich sind.

Die Anti-Doping-Gesetzgebung

Als Beispiel muss man nur einmal das seit 2015 geltende deutsche Anti-Doping-Gesetz betrachten, nach dem aus Doping ein Straftatbestand wird. Dass eine solche Sanktionierung überhaupt als notwendig erachtet wird, ist an sich traurig genug. Wirklich schlimm ist allerdings, dass sich die Politik hauptsächlich wegen des Versagens der Sportverbände beim Vorgehen gegen Doping dazu veranlasst sahen, nach über zwei Jahrzehnten mit einer eigenen Gesetzgebung einzuschreiten.

Immerhin wird das von Seiten des Sports akzeptiert, auch wenn es mit einem Eingeständnis des eigenen Unvermögens einhergeht. Die neue Gesetzgebung bedeutet außerdem keine Aufhebung der eigentlich autonomen Sportsgerichtbarkeit, diese erhält lediglich Unterstützung gegen Dopingsünder und deren Helfer. Damit ist Deutschland vielen anderen Ländern weit voraus, was gleichzeitig die Diskrepanz zwischen nationalem und internationalem Anti-Doping-Kampf aufzeigt. Oder positiv formuliert: Deutschland fällt bei der Anti-Doping-Gesetzgebung eine Vorreiterrolle zu, die hoffentlich Strahlkraft besitzt.

Wie viel kann eine nationale Gesetzgebung gegen Doping ausrichten, wenn sie international keine Wirkkraft hat?

Gesetze gegen Manipulation und Wettbetrug

Ähnlich dürfte es sich mit der Gesetzgebung gegen Manipulationen und Wettbetrug verhalten, die im vergangenen Jahr verabschiedet wurde. Unumstritten sind dessen Regelungen allerdings nicht, wie André Hahn, zum Zeitpunkt der Verabschiedung sportpolitischer Sprecher Der Linken im Bundestag, zum Beispiel unter Verweis auf die Meinung des Deutschen Richterbundes erklärt: Es geht etwa um die Frage nach ungeklärten Begriffen, nach der bloßen Beschränkung auf den berufssportlichen Sektor und danach, ob die vielzitierte „Integrität des Sports“ überhaupt ein Rechtsgut mit Anspruch auf strafrechtlichen Schutz hat.

Gleichwohl ist der Bedarf nach einem rigoroseren Vorgehen zweifelsfrei vorhanden. Wie groß das Ausmaß von Wettbetrug und Spielmanipulationen alleine im Fußball ist, kann man den Ausführungen von Andreas Krannich, Geschäftsführer von Sportradar, entnehmen. Das Unternehmen arbeitet mit über 70 Ligen und Verbänden zusammen und überwacht international eine dementsprechend große Zahl an Spielen. Immerhin hat es hinsichtlich der gesetzgeberischen Zustände, die Krannich vor zwei Jahren noch als unzureichend moniert hat, die gewünschte Bewegung gegeben. Arbeitslos wird seine Firma dadurch wohl trotzdem nicht.

Die Sinnfrage

Macht Sport unter diesen Vorzeichen am Ende dann überhaupt noch Sinn? Oder anders gefragt: Hat Sport noch Sinn? Das ist die entscheidende Frage, auf die alle Diskussionen um Manipulationen, um Wettbewerbsverzerrung und fehlende Gerechtigkeit letztlich hinauslaufen. Keine neue Fragestellung, die Sportredakteure der ZEIT gingen ihr schon vor einigen Jahren nach. Ebenso wenig wie die Fragestellung neu ist, sind es die Probleme.

Am Ende bleibt nur, die sich bietenden Momente des sauberen und fairen sportlichen Vergleichs zu genießen – und auf mehr davon zu hoffen.

Der saubere Sport droht nicht nur in den Skandalen um Doping und Wettbetrug unterzugehen, sondern auch in der Hilflosigkeit, dem Unwillen der Verantwortlichen. Es ist dabei keine Hilfe, dass der Sport ein Milliardengeschäft (wenn nicht mehr) ist und die Verbände zu häufig vorleben, dass es eben hauptsächlich um das liebe Geld geht.

Problematisch ist nicht so sehr die Bedeutung des Sports als Wirtschaftsfaktors im Allgemeinen. Problematisch ist es, wenn er darauf reduziert wird, wenn moralische Aspekte hinter wirtschaftlicher Nutzenmaximierung verschwinden. Der Sport muss im Vordergrund stehen, damit er überhaupt eine Chance hat, sauber zu werden. Bleibt die Frage, ob das im Profibereich so einfach zu bewerkstelligen ist. Im Sinne eines gerechten, fairen Wettbewerbs kann man das nur hoffen.

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